Zwischen Wind und Granit

Der Wind kam heute früher als angekündigt. Ich hatte noch mit einer ruhigen Ausfahrt gerechnet, aber schon auf halber Strecke zur Bucht drehte er auf, riss an der Jacke, ließ das Kanu leicht schlingern, als würde es sich gegen etwas wehren, das ich nicht sehen konnte.

Ich habe trotzdem weitergemacht. Es gibt Tage, an denen Widerstand nicht stört, sondern etwas klarer macht. Der Wind zwingt einen, genauer zu paddeln, jeden Zug bewusster zu setzen, nicht aus Kraft, sondern aus Präzision.

Auf der Insel angekommen, suche ich Schutz hinter einem großen Granitblock, grau und narbig von hundert Jahren Wetter. Dort, im Windschatten, ist es plötzlich still, als hätte der Stein eine eigene Zone um sich gezogen, in der nichts mehr an ihn herankommt.

Ich lehne den Bogen an den Fels. Heute schieße ich nicht gegen den Wind – das wäre kein ehrliches Ziel, nur ein Kampf gegen etwas, das ich nicht kontrollieren kann. Stattdessen setze ich mich neben den Bogen, den Rücken am warmen Stein, und höre zu, wie der Wind durch die Kiefern oben auf dem Hügel fährt. Ein Geräusch wie tausend Stimmen, die alle gleichzeitig flüstern und keine einzelne verständlich.

Der Granit unter mir hat die Sonne des Tages gespeichert. Ich spüre die Wärme durch die Jacke, während der Wind über mich hinwegzieht, ohne mich wirklich zu erreichen. Zwei Kräfte, die nichts miteinander zu tun haben, und ich sitze genau dazwischen.

Ich denke daran, wie oft ich versucht habe, Dinge zu kontrollieren, die sich nicht kontrollieren lassen. Der Wind fragt niemanden um Erlaubnis. Der Granit widerspricht ihm nicht, er hält nur stand, geduldig, seit Jahrhunderten. Vielleicht ist das die eigentliche Lektion dieses Nachmittags: Nicht jeder Widerstand verlangt eine Antwort. Manchmal reicht es, einfach zu bleiben.

Als ich später zurückpaddle, hat der Wind etwas nachgelassen, aber er begleitet mich noch den ganzen Weg, drückt gegen die eine Kanuseite, zwingt mich zu einem leichten Umweg. Ich lasse es zu. Der direkte Weg ist heute nicht der richtige.

Zwischen Wind und Granit.

Zwischen Widerstand und Ruhe.


Zwischen Kontrolle und Vertrauen.

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