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Kein Ziel, das du treffen musst

Kein Ziel, das du treffen musst

Ich beobachte oft dasselbe Bild, wenn eine Frau zum ersten Mal einen Bogen in die Hand nimmt. Die Schultern hochgezogen. Die Stirn in Falten. Der Blick, der schon nach dem Ergebnis sucht, bevor der Pfeil überhaupt fliegt.

Ich kenne diesen Blick. Er kommt aus einem ganz anderen Leben als dem, das hier zwischen den Schären vor Stockholm stattfindet. Er kommt aus Mitarbeitergesprächen, aus Elternabenden, aus der stillen Rechnung, die viele Frauen jeden Tag aufmachen: Bin ich eine gute Mutter und Ehefrau. Bin ich eine gute Kollegin. Reicht das, was ich heute geschafft habe.

Ich sage dann meistens nichts dazu. Ich reiche einfach den Bogen.

Ein Gerät ohne Meinung

Ein traditioneller Bogen hat kein Visier. Keinen Computer, der einen Winkel berechnet. Kein Menü, das Feedback gibt. Es gibt nur den Pfeil, das Ziel – und dich.

Ich mag daran, dass der Pfeil ehrlich ist, aber nicht wertend. Er fliegt so, wie du ihn gehen lässt. Nicht schlechter, nicht besser – nur ein Bote, der zurückträgt, was gerade wirklich in dir passiert ist. Keine Note. Keine Punktzahl aus einem Jahresgespräch. Nur eine Rückmeldung von einem Moment.

Was hier gelernt wird, ist nicht Zielen

Ich sage meinen Schülerinnen oft: Dein Körper kann das längst. Er wusste, wie man greift, wie man wirft, wie man sich ausrichtet, lange bevor irgendjemand dir gesagt hat, wie du sein sollst. Beim instinktiven Bogenschießen wecke ich dieses alte Wissen wieder.

Der Kopf will kontrollieren. Er rechnet, korrigiert, zweifelt nach. Aber ein Pfeil lässt sich nicht mit dem Kopf lenken – er zittert, wenn zu viel gedacht wird. Nicht der Kopf trifft, sondern das Vertrauen, das dahinter steht.

Ich lasse meine Schülerinnen deshalb nicht zielen im klassischen Sinn. Ich lasse sie einen Referenzpunkt finden – eine Stelle am Gesicht, an der die Zughand ruht, immer gleich, immer verlässlich. Der Rest ist keine Berechnung. Der Rest ist Öffnen: Ich öffne den Rücken, ich richte mich auf zu diesem stillen T, das der Körper im Vollauszug bildet – Bogenarm, Schultern, Zughand, eine gerade Linie zwischen zwei Punkten, die trägt, ohne zu kämpfen.

Und dann kommt der Moment, den ich am meisten liebe. Der Moment, in dem nichts mehr passieren muss. Ich zwinge den Schuss nicht. Ich lasse ihn zu.

Ein Raum ohne Bewertung

Ich habe in meinen Kursen Mädchen ab acht Jahren, die noch nicht wissen, wie laut die Welt später über sie urteilen wird. Und ich habe Frauen, die es längst wissen – die zwischen Kalender, Küche und Konferenzraum kaum noch einen Moment finden, in dem niemand etwas von ihnen will.

Für beide gilt hier dasselbe: Niemand muss hier gut genug sein. Niemand muss stark aussehen, um stark zu sein – die Zugkraft eines Bogens ist eine Frage der Technik, nicht der Muskeln. Ein Griff, leicht wie der eines Spatzen auf einem Ast: fest genug, um zu halten, locker genug, um nicht zu verletzen. Mehr braucht es nicht.

Ich sehe dann etwas Bekanntes passieren. Eine Frau, die sonst jeden Tag funktioniert, steht da, atmet aus, lässt den Schuss zu – und denkt zum ersten Mal seit Wochen nicht: Reiche ich. Sondern: Ich bin hier.

Und ja – wer diesen Zustand findet, trifft auch. Häufiger, als man denkt. Aber das ist nicht das Ziel. Das ist nur, was übrig bleibt, wenn man aufhört, sich selbst zu misstrauen.

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