
Am Rand der Schären
Es gibt eine Grenze, an der die Inseln aufhören, dicht zu stehen, und das offene Meer beginnt.
Kein Schild markiert sie, kein Zaun. Nur das Gefühl, das sich ändert, sobald man sie überquert – der Wellengang wird gleichmäßiger, weiter, das Wasser verliert die Nähe der Felsen und wird zu etwas Größerem, Unvertrautem.
Ich fahre selten so weit hinaus. Die meiste Zeit bleibe ich zwischen den Inseln, dort, wo alles vertraut ist, wo ich fast jede Bucht kenne.
Aber manchmal zieht es mich genau an diesen Rand, an eine der letzten Inseln, bevor nur noch Horizont kommt.
Dort ist der Wind anders. Ungefiltert, ohne die Kiefern, die ihn sonst brechen.
Er kommt direkt vom offenen Meer, riecht salziger, kälter, als hätte er unterwegs nichts berührt, das ihn hätte verändern können.
Ich setze mich an den äußersten Punkt der Insel, dort wo der Fels ins Wasser abfällt, und schaue hinaus.
Kein Land mehr, so weit ich sehen kann.
Nur die Linie, an der Himmel und Wasser sich treffen, unscharf im Dunst des Nachmittags.
Der Bogen bleibt heute im Kanu. Es geht mir darum, still zu sitzen und zu spüren, wie klein man wird, wenn nichts mehr da ist, das die eigene Größe bestätigt – keine Insel, kein Baum, kein vertrauter Umriss.
Nur Wasser und Himmel und der eigene Herzschlag, der plötzlich lauter klingt als sonst.
Es ist kein unangenehmes Gefühl. Eher eines, das mich daran erinnert, wie viel Schutz die Inseln normalerweise bieten, ohne dass ich es bemerke.
Wie sehr ich mich an ihre Nähe gewöhnt habe, ohne sie als das zu erkennen, was sie ist: eine Art Zuhause, gebaut aus tausend kleinen Grenzen, an die ich mich klammere, ohne es zu wissen.
Ich bleibe, bis die Kälte des Windes durch die Jacke kriecht.
Dann drehe ich das Kanu, und mit jedem Ruderschlag zurück wird die erste Insel wieder größer, tritt aus dem Dunst hervor wie eine Erinnerung, die zurückkehrt.
Und mit ihr kommt auch das Gefühl zurück, das ich am Rand vermisst habe, ohne es zu benennen:
Geborgenheit.
Zwischen Weite und Nähe.
Zwischen Grenze und Zuhause.
Zwischen Fremde und Vertrautheit.
