Wenn Menschen einen Bogen in die Hand nehmen..
… glauben viele, sie würden etwas über Technik lernen.
Wie man steht. Wie man zieht. Wie man zielt. Wie man trifft.
Doch nach vielen Jahren als Coach habe ich festgestellt, dass die eigentliche Herausforderung meist eine andere ist.
Menschen lernen nicht zuerst das Bogenschießen.
Sie lernen zuerst, wieder zu vertrauen. Das mag überraschend klingen.
Doch beobachten Sie einmal einen Anfänger auf der Schießlinie. Kaum ist der Pfeil geschossen, beginnt die Suche nach Sicherheit. War das richtig? Habe ich alles korrekt gemacht? Wo war mein Fehler? Was muss ich ändern?
Die Fragen wirken technisch. In Wahrheit steckt dahinter oft etwas anderes.
Kann ich meiner eigenen Wahrnehmung vertrauen?
Viele Menschen haben verlernt, auf ihre Wahrnehmung zu hören.
Sie wurden bewertet. Korrigiert. Verglichen. Beurteilt. Gerade bei Frauen und Mädchen begegne ich diesem Muster immer wieder.
In der Schule. Im Beruf. Im Sport. Manchmal sogar in Beziehungen.
Mit der Zeit entsteht die Überzeugung, dass die richtige Antwort immer außerhalb von ihnen selbst liegen muss.
Jemand anderes weiß es besser. Jemand anderes muss bestätigen, ob es richtig war.
Deshalb beginnt Lernen selten mit Wissen.
Lernen beginnt mit Vertrauen.
Vertrauen in den Menschen, der begleitet. Vertrauen in den Prozess. Und schließlich Vertrauen in sich selbst.
Genau deshalb spielt Vertrauen in meinem Unterricht in Mellansken eine so große Rolle.
Natürlich vermittle ich Technik
Doch Technik allein reicht nicht aus.
Ein Mensch kann jede Regel kennen und trotzdem verkrampft schießen.
Ein Mensch kann jede Bewegung verstehen und trotzdem seinem eigenen Gefühl misstrauen.
Dann wird Lernen anstrengend. Jeder Schuss wird zu einer Prüfung. Jeder Fehler zu einem Beweis, dass man noch nicht gut genug ist.
Doch in dem Moment, in dem Vertrauen entsteht, verändert sich etwas.
Der Körper wird ruhiger. Die Aufmerksamkeit wird klarer. Die Wahrnehmung wird feiner.
Menschen beginnen wieder zu spüren, statt nur zu analysieren.
Deshalb verwende ich in meinem Unterricht oft Bilder und Erfahrungen statt komplizierter Fachbegriffe.
Ich spreche davon, den Rücken zu öffnen. Ich spreche vom Referenzpunkt.
Ich spreche davon, den Pfeil zuzulassen. Nicht weil Technik unwichtig wäre.
Sondern weil Bilder oft einen direkteren Zugang zu unserem Erleben schaffen als technische Anweisungen.
Ein Mensch kann Rückenspannung verstehen. Doch wenn er plötzlich spürt, was es bedeutet, den Rücken zu öffnen, entsteht etwas anderes.
Dann wird Wissen zu Erfahrung. Und Erfahrung schafft Vertrauen.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Aufgabe eines Lehrers. Nicht Antworten zu geben.
Sondern einen Raum zu schaffen, in dem Menschen ihren eigenen Antworten wieder begegnen können.
Das gilt nicht nur für das Bogenschießen.
Es gilt für nahezu jeden Bereich des Lebens. Wir leben in einer Zeit, in der Kontrolle einen hohen Stellenwert besitzt. Wir planen. Wir analysieren. Wir optimieren. Wir suchen nach Sicherheit.
Doch viele der wichtigen Dinge im Leben entstehen nicht durch Kontrolle.
Freundschaft entsteht nicht durch Kontrolle.
Vertrauen entsteht nicht durch Kontrolle.
Liebe entsteht nicht durch Kontrolle.
Und auch ein guter Schuss entsteht nicht durch Kontrolle.
Irgendwann kommt immer der Moment, in dem wir zulassen müssen.
Der Moment, in dem der Pfeil die Sehne verlässt.
Der Moment, in dem wir nichts mehr festhalten können.
Der Moment, in dem Vertrauen wichtiger wird als Kontrolle.
Vielleicht fasziniert mich das instinktive Bogenschießen deshalb bis heute.
Denn jeder Pfeil erinnert mich an dieselbe Wahrheit. Am Anfang steht die Technik.
Doch dahinter wartet etwas Größeres.
Die Bereitschaft zu vertrauen.
Dem Weg. Dem Augenblick.
Dem eigenen Instinkt.
Und manchmal sogar dem Leben selbst.
im nächsten Artikel:
Wenn Erfahrung zu Instinkt wird
